SchienenDampf.com

Die private Lounge für Echtdampf auf Spurweiten bis 3 1/2“ mit Schwerpunkt 45mm
Aktuelle Zeit: 04.08.2021, 08:58

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 4 Beiträge ] 
Autor Nachricht
 Betreff des Beitrags: Merlin Mayflower
BeitragVerfasst: 06.07.2021, 21:59 
Offline
* SchienenDampfer
Benutzeravatar

Registriert: 02.01.2009, 17:14
Beiträge: 625
Wohnort: Eugendorf (AT)
Hutzel so steht es auf dem Namensschild der Merlin Mayflower, die ich vor kurzem bei willhaben für einen moderaten Preis gekauft habe.
Hutzel bedeutet nach meinen Recherchen in norddeutschen Dialekten geschrumpfte, getrocknete Birne, manchmal wenig schmeichelhaft für eine ältere (vertrocknete) Dame.
Die Mayflower war nicht vertrocknet, sondern ölig, schmutzig, wohl zum letzten Mal 2018 in Betrieb, Batterien zwischen den Rahmen waren aus diesem Herstellungsdatum.
Die Lok wurde vermutlich in den 80er Jahren gebaut.

Neugierig, ob sie so aus der Schachtel funktioniert, wurde die Merlin auf einen Rollenprüfstand gesetzt. Mit Öl, Wasser und Gas versorgt und der Brenner gezündet.
Nach einigen Minuten entwickelt sich Dampf. Das Sicherheitsventil blieb ruhig, ebenso das Manometer.
Ein paar halbherzige Drehungen der Räder, aber in Zeitlupe.

Gas aus und die Lokomotive zerlegt.
Der Brenner ist, ähnlich wie frühere Regner-Brenner als Schlitzbrenner gebaut, brannte außerhalb des Brennerohres nur auf 2-3 Schlitzen.
Ich vermutete er bekommt zu viel Luft an der Düse, hab mir eine Manschette gebastelt und diese über die Luftlöcher geschoben.
Ein feines Drahtgeflecht zu einer kleinen Rolle gebogen und in den Brenner geschoben.

Danach ein besseres Flammbild, mehr Schlitze mit Flammen belegt, nur die beiden ersten zeigten keine nennenswerte Flammentwicklung.
Aber wie Wolfgang schon öfters erklärt hat, kann die Situation im Brennerrohr eine ganz andere sein. Dazu später mehr.
Ich habe auch alle Schrauben des Gestänges von Ölablagerungen gereinigt, neu geschmiert und mit etwas Schraubensicherung wieder eingeschraubt, die Lagerbohrungen sehen ganz gut aus, kein großer Verschleiß.

Beim nächsten Zünden tritt Schmieröl aus den oberen Füllschraube des Ölers aus.
Die alte Dichtung, wahrscheinlich ein Stück Gummi, hatte einen Riss, ebenso der Plastikknopf für den Gasregler, vermutlich infolge der thermischen Belastung.
Ein passender O-Ring wurde für die Öleinfüllschraube und die Ablassschraube hinzugefügt.
Einen neuen Plastikknopf für den Gasregler aus POM gedreht.
Der Kessel wurde ebenfalls gereinigt, eine Blindschraube an der Kesselrückwand zeigte einen verdächtigen Ölfilm.

Den Kessel mehrmals mit Entfettungsmittel und heißem Wasser sowie mit Essig gegen mögliche Verkalkung ausgewaschen.
Nächster Versuch, die oben beschriebenen Arbeiten zeigen Wirkung.
Nun bewegten sich die Räder sehr munter in der Vor-/Rückwärtsstellung des Ventils.

Nach ein paarmal anheizen habe ich immer wieder einen stechenden Geruch, von unverbrannten Gas wahrgenommen.
Die Hülse für die Luftlöcher erwies sich als vergebens, der Brenner zündet auch ohne ihn recht gut über den Schornstein. Ich habe auch das Drahtgeflecht im Brenner wieder entfernt, es funktioniert auch ohne diese gut und einwandfrei.

Für die Verwendung der Blindschraube in der Rückwand des Kessels habe ich zwischen einer Wassernachspeisung oder einer Dampfpfeife überlegt.
Ich habe mich für eine Dampfpfeife entschieden.
Ein kleines Fitting für das Regner Dampfventil wurde mit Silberlot gelötet, und ein Servo verbaut.
Regners Pfeife gab aber außer sprudelndem Wasser nicht viele Töne von sich, getauscht gegen eine von einem chinesischen Händler, das klingt jetzt besser, wie im Video zu hören ist.

Bild



Bild


Bild

Ansonsten habe ich so ziemlich alles ersetzt, was im Laufe der Jahre durch den Betrieb der - wie viele? - vorherigen Besitzer nicht gemacht wurde.

Leider sind überall auf der Lok viele kleine blaue Farbspritzer, als wäre in der Nähe eine Farbspraydose oder ähnliches explodiert, diese sind sehr hartnäckig und einige habe ich auch mit Farbverdünner entfernt.
Aber es wäre eine mühsame Aufgabe, sie alle zu entfernen.
Auf den Bildern sind einige zu sehen.

Bild


Bild



Bild

Ich belasse es dabei, ich habe alle angelaufenen Messingteile poliert, lege keinen großen Wert darauf, dass eine Maschine dem Vorbild – welches Vorbild sollte diese Merlin auch haben- bis auf die letzte Niete entspricht.
Es sollte technisch funktionieren das tut es jetzt.

Ein aktuelles Video auf dem provisorisch verlegten Schienenoval auf der Terrasse meines Hauses.



Natürlich habe ich ein bisschen geschummelt, der schöne Auspuffschlag kommt von einem Summerland Chuffer, das langsame Tempo von einem selbstgebauten Momentum Van der die sprunghafte Abfahrt der Maschine welche mit einem Umsteuerventil für Vorwärts/Rückwärts und Geschwindigkeit funktioniert, einbremst.
Aber der Waggon ist leider etwas laut, also man hört deutliche Geräusche der beiden kleinen Friktionswagen -Spielzeuge- welche für die Massenträgheit sorgen.

In Vöklamarkt bei Aloisens Dampf-Austria konnte ich die Mayflower auf einer der -45mm- Anlagen ein paarmal ausfahren. Die Spurweite kann auch auf 32mm eingestellt werden.

Sie lief ohne besondere Probleme, nicht übel für eine Echtdampflok aus den 80igern.
Die Eigenheiten, die wohl jede Echtdampflok hat, habe ich dort kennengelernt.

Es sind noch einige Arbeiten zu erledigen, einige Nieten für die vordere und hintere Pufferbohle, andere Kupplungen, die Merlin-Kupplungen sind einfache Blechbügel, die nicht in der richtigen Höhe angebracht sind und andere Behübschungen habe ich noch vor, aber nicht viele.

Noch ein Wort zu den Schrauben und Gewinden.
In einem englischen Forum habe ich gelesen, dass die Gewinde der vielen Banjo- Hohlschrauben M5 x 0,5 sind, das stimmt.
Der Schlitz der Ablassschraube am Öler war sehr ausgeschlagen.
Ich habe eine neue Schraube gedreht.
Die restlichen verwendeten Schrauben geben mir -wie immer bei Produkten von der Insel- einige Rätsel auf.
Aber nach einer Frage in einem englischen Forum bezüglich der verwendeten Gewinde sehe ich jetzt etwas klarer. Das Sicherheitsventil hat ein ganz normales M6 Normgewinde, die Schrauben, welche das Gehäuse zusammenhalten und am Umlaufblech halten sollten, so die Auskunft BA -British Association- sein.

Noch eine Anmerkung, für ein Produkt aus den 80iger Jahren finde ich hat Merlin schon damals der heutigen Technik ein wenig vorgegriffen, meine hat wohl auch Kolben aus Teflon, der Dampf wird über eine Überhitzerleitung aus Edelstahl welche im Brennerrohr seitlich am Brenner zu den Zylindern führt erhitzt.

Das mit den Teflonkolben kann ich nicht 100%ig bestätigen. Ich habe die Zylinder nicht angerührt, die Rundschieber und Kolbenstangen haben wohl einfache Stopfpackungen, was im Betrieb zu etwas Dampfaustritt und reichlich Kondenswasser führt. Aber nach dem Motto „never change a running System“ lasse ich da erstmal die Finger davon etwas zu zerlegen.

Wie die Kolben aussehen können, zeigt hier ein Bericht in welchen die 3-achsige Version der Mayflower, eine Major renoviert wird.

http://www.gardenrailwayclub.com/locos/merlin-majo

Auch soll, wie in diesem Bericht angedeutet, eine englische Firma, anything narrow gauge, Kolben mit O-Ring Dichtungen und neue Zylinderoberteile mit Rundschiebern anbieten.

Ich werde weiter berichten.

Gruß, Gerald :wink:

_________________
Zwisch'n Soizburg und Bod Ischl ....


Nach oben
 Profil Private Nachricht senden  
Mit Zitat antworten  
 Betreff des Beitrags: Re: Merlin Mayflower
BeitragVerfasst: 07.07.2021, 10:11 
Offline
Moderator
Benutzeravatar

Registriert: 25.04.2018, 21:44
Beiträge: 777
Wohnort: Bei Tübingen
Hallo Gerald,

danke für den ausführlichen Bericht zur neuen Lok. Es war ein Vergnügen ihn zu lesen, vor allem wie Du der Dame ihre Zicken ausgetrieben hast :TOP

_________________
Grüße Holger

Ohne Heu kann das beste Pferd nicht furzen :flt:


Nach oben
 Profil Private Nachricht senden  
Mit Zitat antworten  
 Betreff des Beitrags: Re: Merlin Mayflower
BeitragVerfasst: 07.07.2021, 13:33 
Offline
*** SchienenDampfer
Benutzeravatar

Registriert: 22.11.2011, 00:24
Beiträge: 384
Wohnort: Stuttgart (DE)
Hallo Gerald,

super Bericht, danke!!
Die Blindschraube an der Kesselrückwand ist wahrscheinlich eine Wasserstandskontrolle, der Kessel wurde gefüllt bis dort Wasser an der offenen Schraube austrat.
So was gab es auch an älteren RH Loks. Die Anschlußbuchse geht bei RH aber nicht mit voller Öffnung in den Kessel, da ist noch ein irgendein Reduzierteil dahinter und die Schraube hat eine Innenbohrung, ähnlich wie bei manchen Ölablaßschrauben. Eine Pfeife funktioniert da nur bei einem Wasserstand unterhalb der Schraube und reißt auch eventuell Wasser mit.

Weiterhin viel Freude mit der Mayflower wünscht Dir

Manfred


Nach oben
 Profil Private Nachricht senden  
Mit Zitat antworten  
 Betreff des Beitrags: Re: Merlin Mayflower
BeitragVerfasst: 07.07.2021, 15:17 
Offline
* SchienenDampfer
Benutzeravatar

Registriert: 02.01.2009, 17:14
Beiträge: 625
Wohnort: Eugendorf (AT)
Hallo Manfred,

Manni hat geschrieben:
Die Blindschraube an der Kesselrückwand ist wahrscheinlich eine Wasserstandskontrolle, der Kessel wurde gefüllt bis dort Wasser an der offenen Schraube austrat


Wie viele Loks ohne Wasserstandsanzeige ist das Verhältnis Wasser zu Gas auch bei dieser darauf abgestimmt das der Brennstoff (Gas) vor dem Wasser zu Ende geht.

Ich konnte irgendwo erlesen das der Kessel der Mayflower ca. 210 ml Wasser (insgesamt) fasst und ca. 20 ml mittels einer Spritze wieder abgesaugt werden sollen.
Die 20 ml erschienen mir wenig, ich hab am Anfang der Testfahrten gleich mal die doppelte Menge abgesaugt.
So ist diese Schraube am Anfang wegen ihrer Lager etwas unter dem Kesselscheitel permanent mit Wasser überflutet.

So habe ich mir zur angewöhnt die Pfeife erst nach einiger Zeit zu betätigen, wenn der Wasserstand schon durch den Verbrauch etwas niedriger ist. Nichtsdestotrotz hat die Regner Pfeife auch bei niedrigen Wasserstand nicht viel Ton erzeugt, ich habe da wohl immer Pech mit Regner Pfeifen, die Chinapfeife hat auch mehr Durchmesser und somit einen größeren Klangkörper.

Natürlich jetzt mit Dampfpfeife wird mehr Dampf/Wasser verbraucht, besonders wenn man die Pfeife oft benutzt. Also bleibe ich nunmehr dabei 20 ml abzusaugen, so bin ich hoffentlich auf der sicheren Seite und der Kessel wird nicht leergefahren. Obwohl der Kessel aus Kupfer sein sollte, ich habe im Bereich der Rauchkammer einen kleinen Kratztest gemacht, mir scheint er aus Messing gefertigt zu sein.

Bei der Recherche nach Beck/Merlin Tom Cooper und der Geschichte der Firma soll ja zum Ende der Firmengeschichte von Merlin aus allen möglichen Resteteilen noch Lokomotiven entstanden sein. Daher kann man da keine fixe Materialverwendung in den einzelnen erzeugten Modellen von Merlin erkennen. Es wurde wohl, eher zum Ende, alles genommen was zu kriegen war.
Ich welchen Zeitraum die Entstehung meiner fällt :WN



Holger Wittig hat geschrieben:
Es war ein Vergnügen ihn zu lesen, vor allem wie Du der Dame ihre Zicken ausgetrieben hast


Danke Holger, ja so eine kleine Geschichte macht es ein bisschen bunter.

Gruß, Gerald :wink:

_________________
Zwisch'n Soizburg und Bod Ischl ....


Nach oben
 Profil Private Nachricht senden  
Mit Zitat antworten  
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 4 Beiträge ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]


Wer ist online?

0 Mitglieder


Ähnliche Beiträge

Merlin Nr. 430 Loko Works
Forum: Die guten alten (Tinplate-) Stücke
Autor: Georg
Antworten: 12
Reaktivierung einer Merlin Avonside
Forum: Die guten alten (Tinplate-) Stücke
Autor: Karsten
Antworten: 3

Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.

Suche nach:
Gehe zu:  
cron



Hosted by iphpbb3.com

Impressum | Datenschutz